Ist Ghostwriting unanständig?
Das Image des Ghostwriters scheint mitunter etwas zwielichtig, man könnte auch sagen „shady“. Nicht umsonst nennt man ihn auch Schattenschreiber. Aber wer sind diese mysteriösen Kreaturen eigentlich, die im Schatten anderer große Werk vollbringen? Aus deren Feder – bzw. Macbook – die großen Reden und Bestseller von Politikern und Prominenten stammen?
Zunächst einmal sind es größtenteils Menschen, deren Ausbildung alles andere als im Verborgenen stattgefunden hat: Journalist:innen, Germanist:innen, Werbetexter:innen, manchmal auch Psycholog:innen oder Historiker:innen – Menschen, die gelernt haben, zuzuhören, zu strukturieren und Sprache präzise einzusetzen.
Vor allem sind Ghostwriter Wiederholungstäter. Sie schreiben nicht nur einen Bestseller oder das Werk ihres Lebens. Eine Erhebung unter „bestselling ghosts“ kam zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der befragten Ghostwriter bereits 30 oder mehr Bücher geschrieben hatte. Bei Sachbuch-Bestseller kursieren Schätzungen: Je nach Quelle entstehen 50 bis 70 Prozent der Titel mit einem Ghostwriter. Wie viele Bücher tatsächlich von Ghostwritern geschrieben werden, weiß natürlich niemand genau. That’s part of the game. Denn mit einer Sache tut sich der Ghostwriter von Natur aus schwer: Referenzen. Das oberste Gebot lautet Diskretion.
Gleichzeitig beobachtet man, dass viele Autorinnen und Autoren immer offener mit ihrer Zusammenarbeit mit Ghostwritern umgehen, diese „sogar“ öffentlich anerkennen: Prince Harry und André Agassi mit J. R. Moehringer, Robbie Williams mit Mark McCrum, Katie Price mit Rebecca Farnworth.
Und das ist kein Wunder. Wer viel zu erzählen hat, aber wenig Zeit, braucht einen Begleiter. Denn während man beim Daten niemandem ein Ghosting wünscht, ist das bei Büchern im Grunde ein Garant für Qualität.
Eine Verwechslung sei an dieser Stelle noch aus dem Weg geräumt: Ghostwriting für Bücher, Reden oder Blogartikel hat nichts mit dem Ghostwriting akademischer Arbeiten zu tun. Wer sich seine Doktor- oder Bachelorarbeit schreiben lässt, begeht wissenschaftliches Fehlverhalten – in Deutschland ist das inzwischen sogar strafbar. Ganz anders bei Büchern und Reden: Hier gibt es keine Prüfungsordnung, die eine Eigenleistung verlangt. Es gibt nur die Frage, ob eine Geschichte gut erzählt wird – und wer sie am besten erzählen kann.
Der Autor hat die Story und der Ghostwriter die Skills, sie aufs Papier zu bringen. Ich finde, das ist doch eine ganz anständige Sache.